Von Vollpfosten und Pastoren

Balken sind etwas Großartiges!

Sie verbinden und geben Konstruktionen Stabilität. Das Fertighaus, in dem ich wohne, ist zum Beispiel im Wesentlichen auf Unterstützung von Balken gebaut. Das Material lädt ein, kreativ zu werden und so bauen die Menschen seit Jahrtausenden mit immer neuen Ideen aus Holz: Häuser und Schaukelpferde, Brücken und Achterbahnen, Zäune und Holzroboter.

Gleichzeitig ließen sich auch völlig absurde Ideen für die Anwendung von Holzbalken finden: Wie wäre es mit einem Fahrzeug für die nächste Mars-Expedition aus deutscher Fichte?

Jesus erwähnt eine ebenso absurde Verwendung von Holz:

Wie kommt es, dass du den Splitter im Auge deines Bruders siehst, aber den Balken in deinem eigenen Auge nicht bemerkst?

Lukas 6,41 (Neue Genfer Übersetzung)

In anderen Worten: Wie kommt es, dass Du so ein Vollpfosten bist?

Jesus kann auch konfrontieren! Nur wen eigentlich?

Was würdest Du für wahrscheinlicher halten: Einen Mars-Rover aus Holz oder ein grobes Stück Holz im eigenen Auge?

Viele Leser würden sich spontan unbewusst weigern anzunehmen, dass sie einen Balken im Auge haben – oder im übertragenen Sinne: ein Vollpfosten sind. Sie würden – obwohl absurd – neugierig der ersten Option nachgehen. Aus diesem Grund liest Du auch diesen Artikel. Wäre der Titel „Der Balken in Deinem Auge“ wäre die Wahrscheinlichkeit niedriger, dass Du bis hierhin gelesen hättest.

Diese kognitive Dissonanz entsteht unbewusst, um diesem unangenehmen Gedanken aus dem Weg zu gehen, dass man selbst nicht ganz für voll zu nehmen ist. Dann lieber eine absurde, andere Theorie verfolgen. Die muss einfach wahrscheinlicher sein.

Wir wollen es so.

Gerade wir Pastoren. Wir beschäftigen uns mit Ethik und Gemeindezucht. Mit Sünde und Verfehlungen. Bei den anderen.

Sonntags dann sprechen wir vor der Versammlung der Gläubigen im Namen Gottes. Was berechtigt uns dazu? Dass wir Vorbilder sind. Dass man bei uns abgucken kann, wie Glaubensleben geht. Dass wir es richtig machen.

Es muss einfach so sein, denn es hinge zu viel daran, wenn es nicht so wäre: Unsere Glaubwürdigkeit, unser Job, unsere Leidenschaft, unser Ego, …

Also sei es so: Wir finden die Splitter der anderen, aber werden blind für den eigenen Balken. Und während wir über diese Bibelstelle predigen, wollen wir nicht wahrhaben, dass unser eigener blinder Fleck groß genug für einen ganzen Balken ist.

Was für Vollpfosten.

Wenn Du Pastor bist, darfst Du Dich darüber ärgern, wenn ich das schreibe. Ich bin selber Pastor – mich ärgert das ebenfalls. Aber nicht, weil es übertrieben ist, sondern weil ich denke, dass Metaphern in der Regel einen wahren Kern haben. Vielleicht auch diese?

Tatsächlich bin ich überzeugt, dass es unter uns Pastoren zu viele und zu große blinde Flecke gibt. Ja, natürlich: es werden auch mal Fehler von der Kanzel zugegeben. Aber wo gehen wir mit echten, tiefen Fragen hin? Wohin wenden wir uns mit den Krisen unseres Lebens? Wem vertrauen wir die eigenen Sünden an? Und wie positionieren wir uns am Sonntag von der Kanzel aus zur Gemeinde hin, wenn wir selber uns hilflos, unzureichend und sündig fühlen?

Performance ist King

Kann es sein, dass der Druck zu performen – es selber richtig zu machen – auf Dauer so groß wird, dass es einfacher wird, Splitter zu suchen, als Balken zu entfernen?

Wir wollen uns zwar helfen lassen. Aber anstatt Hilfe von jemandem anzunehmen, der uns mal wirklich in die Augen blickt, wissen wir diese Hilfe sehr gut anders zu kanalisieren. Wir lenken sie auf Beratung zu Gemeindewachstumsstrategien, oder auf die Hilfe des Heilungspredigers oder auf die gästefreundliche Gestaltung unserer Gottesdienste.

Lothar Krauss hat vor kurzem in einem Interview folgendes formuliert:

In der Regel fehlt es an einem Mentor, der die jungen Pastoren in den Höhen und Tiefen begleitet und hilft, ein realistisches Gemeinde- und Selbstbild zu gewinnen. Wie im Sport halte ich Coaching auch für Pastoren unverzichtbar. Viele starten aber ohne Trainer und wundern sich, wenn sie scheitern. Am besten wäre es, wenn jeder Pastor sogar mehr als einen Coach hätte. (1)

Auf die Rückfrage, wozu denn mehr als ein Coach benötigt würde, erläutert er, dass es verschiedene Ebenen der Beratung gibt und dass es auch Bedarf für Beratung auf emotionaler Ebene sowie auf der Ebene der eigenen Persönlichkeitsentwicklung gibt.

Doch weshalb wird das, wenn überhaupt, nur in Ausnahmefällen gelebt? Möglicherweise aus Naivität. Mein Schwiegervater – Pastor im Ruhestand – sagte mir neulich: „Als ich jung war, dachte ich, ich predige das Evangelium und das wird ein Höhenflug. Ich habe nicht gedacht, dass das Zwischenmenschliche so viel kaputt machen könnte.“. Da du das jetzt gerade liest, musst du nicht mehr naiv in den Dienst starten …

Oder liegt es doch tiefer?

Ist es zu unangenehm, sich den eigenen Zweifeln gegenüber schonungslos öffnen?

Ist es zu beängstigend, die eigenen Abgründe anzusehen?

Das Traurige ist: mit einem Balken im Auge sieht man zwangsläufig so schlecht, dass man unweigerlich andere mit reinreißt. Wir, die wir eigentlich im Auftrag des Retters unterwegs sind, werden zur Bedrohung für andere.

Pete Scazzero hat es so formuliert:

Es ist nicht möglich, geistlich reif zu sein, wenn man gleichzeitig emotional unreif bleibt. (2)

Mein Wunsch ist, dass christliche Gemeinschaften von emotional reifenden Menschen geleitet werden, die sich ihren unangenehmen, schmerzhaften und beängstigenden Fragen stellen. Die die Zeit und die Finanzen aufwenden, sich von Mentoren und Coaches auch auf den Ebenen der eigenen Psyche und Seele begleiten zu lassen.

Versetzen wir uns noch einmal in das Gleichnis Jesu. Wie würde es wohl realistisch ablaufen? Da bemerkt jemand einen Splitter in seinem eigenen Auge und bittet jemand anderen um Hilfe beim Entfernen. Dann fragt er: Ist da noch etwas? Ist alles weg?

Meine Überzeugung ist: Wenn wir Pastoren diese Frage regelmäßig stellen und uns regelmäßig von Profis bei der Beantwortung helfen lassen, wird es uns besser gehen. Ja, mehr noch: Nicht nur uns wird es besser gehen, sondern ebenso unseren Familien. Auch unsere Gemeinden  werden profitieren. Wir werden emotional gesündere Gemeinden bauen. Orte, an denen Menschen heil werden.

Und doch wagen wir es noch immer, als emotional unreflektierte Menschen, andere Menschen anzuleiten. Ich fürchte, genau uns hat Jesus mit diesem Bibelwort gemeint.

Wie kannst du zu deinem Bruder sagen: ›Bruder, halt still! Ich will den Splitter herausziehen, der in deinem Auge sitzt‹ – und bemerkst dabei den Balken im eigenen Auge nicht? Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem eigenen Auge; dann wirst du klar sehen und kannst den Splitter, der im Auge deines Bruders ist, herausziehen.«

Lukas 6,42 (Neue Genfer Übersetzung)

Dass es etwas schwierig wird, sich selbst einen Balken aus dem Auge zu operieren, gehört hier mit zur Hyperbel. Wir brauchen Hilfe dabei. Darum ist mein Plädoyer: Lasst uns das eine tun, aber das andere auf gar keinen Fall lassen. Lasst uns für Gemeindewachstum beten und schauen, welche Strategien uns dabei helfen. Lasst uns für Heilung beten und sie antizipieren. Lasst uns Kleingruppen, Kindergottesdienst, Pfadfinderarbeit, Gottesdienste, Leiterschaftsentwicklung besser machen, als je zuvor.
Aber zuvor:

Lasst uns ehrlich sein mit uns selbst!

Stell Dir folgende Frage: „Warum sollte ich die Ausnahme sein, die keinen Balken im Auge hat?“

Wenn Du keine exzellente Antwort auf diese Frage hast und noch keinen Mentor oder Seelsorger, der Dich in Deinen Träumen und Emotionen, Ängsten und Sünden begleitet, dann such Dir heute so jemanden.

Ich selbst habe mir erst nach Jahren meines Gemeindedienstes Unterstützung dieser Art gesucht. Dann kam auch Unangenehmes über mich zutage. Zugleich war es stärkend und Augen öffnend. Darum durfte das auch ruhig etwas kosten. Ich glaube, Gemeinden sind gut beraten, solche Kosten für ihre Angestellten regelmäßig im Budget einzuplanen. Sie würden so manche Krise prophylaktisch entschärfen.

Wie könnte das konkret aussehen?

  • Stell Dir einen Pastor vor, der realisiert, wie sehr er von der Meinung der anderen abhängig ist.
    Was würde es für einen Unterschied machen, wenn er seine Stärken entfalten kann, aber nicht mehr alles dafür tun muss, sich die Bewunderung der Gemeinde zu sichern?
  • Oder denk an jemanden, der viel tiefer, als je zuvor, versteht, dass er sich und anderen beweisen will, dass er „es kann“.
    Jetzt mal Dir aus, wie es aussähe, wenn dieser Mensch seine Tatkraft zur Entfaltung bringt, jedoch lernt, zuerst den Menschen und die gegenseitige Beziehung zu sehen!
  • Angenommen, da ist ein Leiter, dem wiederum Beziehung extrem wichtig ist. So wichtig, dass er sich scheut, Unbequemes auszusprechen, wenn es dran ist. Selbst dann, wenn andere dadurch geschützt werden müssten.
    Nun mal Dir aus, was geschehen könnte, wenn er lernt, seine Angst vor Ablehnung mehr und mehr wahrzunehmen und damit umzugehen. Was könnte geschehen, wenn dieser Leiter, der so gut Beziehung bauen kann, nun auch mutig Wahrheit in Liebe sprechen kann?

All das kommt nicht von alleine. Nach meiner Erfahrung kommt es auch nicht automatisch, weil man Pastor ist oder weil man betet. Ein intentionaler Prozess ist notwendig – ein aktives Suchen.

Bist Du bereit, Dich jemandem zuzuwenden, dem Du vertraust und ihn zu fragen:

„Ist da noch etwas? Ist alles weg? Wo darf ich noch wachsen?“

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